Werner Szczepanski
Glienicker Brücke im Taumel der Zeit
Montags spielte ich Volleyball und einmal war das Ergebnis ein ungewollter Aufenthalt in medizinischen Räumen. Genauer gesagt: auf der orthopädischen Station des Reinickendorfer Kranken-hauses. Jahre vorher schon war der zerbröselte Meniskus entfernt worden, aber das Knie schmerzte bereits wieder seit Monaten. Es war Ernst, der Hausarzt hatte Bedenken wegen meiner Gehfähigkeit und wollte einen Blick in mein Knie. Ich schob die Spiegelung immer wieder auf, bis mir meine Frau die Einweisung vor die Nase hielt. Zum Trost besuchte sie mich öfter. An einem Donnerstagabend, der vergangene helle Tag nach der Operation war langweilig verlaufen, verabschiedete sie sich, es muss so gegen neun Uhr abends gewesen sein und verließ mich mit zwei Freunden. |
der Eingriff war erst einen Tag her, legte ich mich auf die Seite und suchte, hungrig nach neuen Informationen über die Entwicklung im Osten, in der Schublade nach meinem Walkman. |
um Utopisches, einen Mauerfall. Ich spürte mein Knie, legte das Gerät zur Seite und schlief ein. |
Froh über etwas Ruhe
Dieses System, von vielen gefürchtet, von vielen getragen, gehasst und gefährlich, es sollte beliebigen die Freiheit lassen auf dem vor Unmenschlichkeit strotzenden Schutzwall zu sitzen? Ihre vierzig Jahre wurden noch pompös gefeiert, wenn auch schon versteckte Glocken läuteten. Also, vielleicht doch? |
bis drei was zu tun sei, griff dann zum Knopf der Schwesternrufanlage. Die Nachtwache, ebenfalls aufgeregt, drückte mich ins Bett zurück. |
wieder ein. |
Der Mann in Weiß suchte eilig in der Schublade, hielt mir ein Formular unter die Nase. |
ihm einen neuen Verband und lassen Sie ihn gehen.“ Dann drehte er sich zu mir. |
mit ihrer Hilfe zum Ausgang. |
Auf Händen und dem gesunden Bein, krauchte ich los. So war es mir sicherer. Nach halber Strecke überholte mich, mit Seife und einem Eimer Wasser für die Stufen in der Hand, Frau Braun. Ich hatte sie nicht kommen hören. |
drehte nach zwei Minuten den Schlüssel im Schloss, nahm meine Kamera und hüpfte anschließend auf einem Bein, rückwärts, mich dabei am Geländer festhaltend, die Treppen wieder hinunter. |
der stillen Mauer entlang zum Pariser Platz schlängelte. Auch ich war nicht fähig zu reden und hätte es doch gern getan. Wäre eine Antwort zu erwarten gewesen, hätte ich fragen können: du kaltes Herz aus Stein, wie denkst du über ihn, deinen wahrscheinlichen Untergang? |
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Pariser Platz mit Brandenburger Tor Foto: Werner Szczepanski |
Während die Anderen wie Gämse hinaufkletterten, gab es keine Idee wie ich dort oben ankommen könnte. Schließlich wandte ich mich an zwei kräftige Gestalten. |
Halbrund von etwa dreißig Vopos aufgestellt, Abstand von einander so drei Meter. Sie waren ohne Gewehre. Unvorstellbar. Vereinzelt sprangen Dumme von der Mauer, gingen auf sie zu und steckten rote Nelken in die Löcher schon verwest aussehender grüner Uniformjacken. Die vorgebeugten Oberkörper der Beschützer von Staat und Volk bebten vor Unsicherheit. Noch einen Tag vorher hätten sie für unseren Frevel an ihrer Mauer, jeden, wie auch mich, erschossen. |
Die Ereignisse, die sich vor und hinter der Mauer abspielten, sollten sich mir tief einbrennen. Dann war meine Kamera wertlos. Auf dem Film, meinem einzigen, war kein Platz mehr. Ich betrachtete es als Startzeichen und versuchte, die Mauer zu verlassen. Aber wie? Glücklicherweise dachte ich an den Arzt und sprang nicht. Mehrere Menschen, die mein Zaudern bemerkt hatten, fragten, was denn wäre. Dann halfen sie mir hinunter. |
Nie zuvor hatte ich so viele Menschen weinen sehen, und danach darf es nie mehr eintreten. Jeder Trabbi, der kam, oder ging, wurde gestoppt. Fremde baten zum Reden und jeder hatte ein Rotkäppchen an der Hand. Bis in die Haarspitzen waren allen tiefste Empfindungen vorgedrungen. Für nichts anderes war mehr Platz auf der schmalen grauen Straße. |
drüben? |
Möhring und seinem Gefrorenem Erfahrungen austauschten. Weil ich immer ohne Uhr bin, wies er um dreiuhrdreißig auf die Zeit. |
„Wieso? Ich kenne dich doch. Obwohl ich schon ein bisschen verwirrt war, als mein Chef sagte, dass er dich auf der Mauer gesehen hätte. Kann doch eigentlich nicht sein, hatte ich ihm geantwortet. Der liegt doch im Krankenhaus. Aber Bernd wollte sich wahrscheinlich auf nichts weiter einlassen und war schnell verschwunden. Soll ich dir mal sagen, was ich von deiner Aktion halte?“ |
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Marianna: „Ich kann nicht anders, lass uns dorthin.“ |
Glienicker Brücke
Foto: Werner Szczepanski
Auch hier war die ergreifende Stimmung aus der Bornholmer Straße. Tausende Gleichfühlender um mich herum wogten von Ost nach West und zurück und zurück und zurück. Ängstliche Vopos hatten zunächst noch versucht die Lage zu beherrschen, sahen jedoch angesichts der Masse und ihrer entwaffneten Gürtel schnell ihre Hilflosigkeit ein. So ließen sie ein Volk gewähren, dass an die enorme Bedeutung dieses Tages jetzt |
nicht denken wollte. Und ich fragte mich: warum gab es diesen Moment nicht schon vierzig Jahre früher? Viel Leid wäre nicht eingetreten. |
meinem rechten Bein unmöglich, ich nahm mir deshalb die Freiheit nicht zu fahren. Peter brachte uns zurück. |
